Titelbild Blindschleiche
Tiere

Echse ohne Beine: Die Blindschleiche (Anguis fragilis)

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13/07/2017

“Die Blindschleiche wird, falsch erkannt, als kleine Schlange oft benannt.”
(Aus:  Die Blindschleiche)
– Helmut A. Petzold (*1932), deutscher Dichter

Oft wird sie mit einer Schlange verwechselt, weil sie keine Beine hat. Ihr Name führt ebenfalls oft in die Irre, denn sie ist ganz und gar nicht blind. Hiermit stelle ich das Reptil des Jahres 2017 vor: die Blindschleiche.

Systematik

Erblickt man zu ersten Mal eine Blindschleiche, denkt man sofort an eine Schlange. Dieser Gedanke ist nicht ganz abwegig, da man es mit einem schlangenähnlichen Tier zu tun hat. Doch in Wirklichkeit ist die Blindschleiche näher mit Eidechsen als mit Schlangen verwandt.

Der wissenschaftlicher Name der Blindschleiche lautet “Anguis fragilis”. “Anguis” ist das lateinische Wort für “Schlange” und deutet auf die scheinbare Ähnlichkeit zur Schlange hin. Die Artbezeichnung “fragilis” heißt “zerbrechlich” und meint damit die Fähigkeit der Blindschleichen – wie auch bei Eidechsen – ihren Schwanz bei Gefahr abwerfen zu können.

Blindschleiche

Blindschleichen werden zur Familie der Schleichen (Anguidae) zugeordnet, die wiederrum zum Taxon der Echsen (Lacertilia) gehören.

Traditionell wird die Blindschleiche in mehrere Unterarten unterteilt. In Deutschland vorkommende Blindschleichen werden als “Westliche Blindschleiche” (Anguis fragilis fragilis) bezeichnet. Sie ist über weite Teile Westeuropas verbreitet.

In Osteuropa kommt die “Östliche Blindschleiche(Anguis fragilis colchica) vor. Wobei der Übergang zwischen der west- und osteuropäischen Art fließend ist. Eine mögliche geographische Art-Grenze wird bei Ungarn vermutet. Östliche Blindschleichen unterscheiden sich von der Westlichen Blindschleiche dadurch, das blau getüpfelte Exemplare wesentlich häufiger anzutreffen sind.

In Griechenland auf Peleponnes und den Ionischen Inseln gibt es eine weitere Blindschleichen-Art: die Peleponnes-Blindschleiche (Anguis cephallonica). Ihr eindeutiges Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Blindschleichen-Arten ist ein Zackenmuster, das am Nacken von der dunkelbraunen Seitenlinie ausgeht. Die Zackenspitzen weisen leicht nach hinten.

Dies ist nur ein grober Überblick der Blindschleichen-Arten (Stand: Juli 2017). Es gibt mittlerweile weitere Vorschläge zur Unterscheidung und Teilung der einzelnen Arten.

Hier kann man einen kurzen englischsprachigen Abstrakt über die Genetik der Blindschleichen und der daraus resultierenden möglichen Arten nachlesen.

Anatomie

Blindschleichen und Schlangen sind Wirbeltiere. Sie haben einen länglichen Körperbau und bewegen sich ohne der Hilfe von Gliedmaßen fort. Ab hier hören dann aber die Gemeinsamkeiten auf.

Vergleicht man das Skelett einer Blindschleiche mit einer Schlange, erkennt man die Unterschiede sofort. Bei Blindschleichen sind noch Reste des Becken- und Schulterknochen zu sehen. Nur bei einigen Schlangenarten sind noch Reste von Beckenknochen erhalten. Bei den meisten Schlangenarten aber haben sie sich im Verlaufe der Evolution so weit zurückentwickelt bis diese nicht mehr vorhanden sind.

Beim Vergleich zwischen einem Schlangen-Schädel und einem Blindschleichen-Schädel fallen ebenfalls Unterschiede auf. Blindschleichen haben einen Schädel, der aus fest miteinander verwachsenen Knochen besteht. Der Schädel der Schlangen bestehen dagegen aus Knochen mit einzelnen Bändern. Sie sind dadurch wesentlich elastischer und können ihre Kiefer sehr weit öffnen. Dies erlaubt ihnen, Beute zu fressen, die viel größer ist als sie selbst. Diese Fähigkeit haben Blindschleichen nicht.

Blindschleiche Schwanz

Blindschleichen haben, wie ihre Verwandten die Eidechsen, ebenfalls am Körper eine Sollbruchstelle am Schwanzansatz. Damit können sie ihren Schwanz abzuwerfen. Diese Fähigkeit wird als Autotomie bezeichnet. Neben Eidechsen, gibt es auch Insekten, Spinnentiere, Schnecken, Seesterne, Seegurken und zwei Stachelmausarten (die einzigen Säugetiere!!!), die diese Fähigkeit haben. Je nach Tiergruppe wächst der abgeworfene Körperteil danach vollständig, teilweise oder gar nicht nach.

Der abgeworfene Schwanz der Blindschleiche bewegt sich einen Zeit lang noch, so das Fressfeinde davon abgelenkt werden. Dadurch hat die Blindschleiche Zeit, sich vor den Fressfeinen in ein sicheres Versteck zu flüchten.

Schlange oder Schleiche?

Natürlich kann man nicht in den Körper einer lebendigen Schlange oder Blindschleiche hineinschauen, um die anatomischen Unterschiede zu erkennen. Wie erkennt man also in freier Natur so ein Tier?

Beobachtet man das Schlängeln einer Blindschleiche, fällt die eher steife und langsame Bewegung auf. Schlangen kriechen weitaus eleganter und fließender auf dem Boden.

Der „Hartwurm“, wie die Blindschleiche früher auch genannt wurde, besitzt unter dem Schuppenkleid seines Körpers kleine, starre Knochenplättchen, wodurch sich Blindschleichen viel steifer fortbewegen als Schlangen.

Blindschleiche Augen

Hat das Tier gezüngelt? Auch hier kann man Schlangen von Blindschleichen unterscheiden. Blindschleichen müssen ihren Mund öffnen, weil ihnen die schlangentypische Oberlippenlücke fehlt. Ist folglich der Mund beim Züngeln auf, ist es eine Blindschleiche.

Blindschleiche züngeln

Blindschleichen haben auch Ohren, allerdings sind diese “Ohren” bei ihnen nicht zu erkennen, weil ihre Ohrenöffnungen von Schuppen überdeckt sind. Auch können Blindschleichen im Gegensatz zu Schlangen hören. Wobei das “Hören” eher als eine Wahrnehmung von Bodenvibrationen zu verstehen ist. Also eine Blindschleiche hört nicht so, wie wir Menschen es tun.

Warum ist die Blindschleiche “blind”?

Natürlich ist die Blindschleiche nicht blind. Das Wort “blind” ist eine Ableitung des althochdeutschen Wortes „Plint“, das “blendend” bedeutet. Das Wort bezieht sich auf den glänzenden Körper des Tieres.

Blindschleiche Körper

Sie besitzt zwei Augen mit beweglichen Augenlider, die sie auch schließen können. Ein Merkmal, das Schlangen nicht haben. Schlangen besitzen keine Augenlider, sondern diese sind jeweils von einer durchsichtigen Schuppe bedeckt. Sollte euch also eine “Schlange” anblinzeln, ist es eine Blindschleiche.

Die Augen der Blindschleiche haben eine runde schwarze Pupille, die von einer kupferroten Iris umgeben sind. Doch die Augen sind recht klein, daher ist es recht schwierig diese genauer zu beobachten.

Körperbau und -merkmale

Die Blindschleiche besitzt einen langgestreckten, im Querschnitt kreisrunden Körper. Beine besitzen Blindschleichen nicht mehr, da diese sich im Laufe der Evolution zurückgebildet haben. Sie kann eine Körperlänge von 30 cm bis maximal 50 cm erreichen. Wenige Individuen erreichen sogar eine Körperlänge bis zu 55 cm.

Der Bauch und die Körperseite ist meist dunkel graubraun bis gelbbraun gefärbt, so das sich die silbergraue bis goldgelbe Oberseite deutlich davon absetzt. An den Flanken finden sich bei allen Tieren generell mehrere dunkle Längsstreifen, die oft miteinander verschmolzen sind und so ein einheitlichen Streifen bilden. Bei einigen Individuen taucht hin und wieder eine auffällige Blaufleckung auf.

Auf dem Rücken verläuft eine dunkel abgesetzte, durchgehende Linie die bis zum Schwanzende reicht. Am Kopf endet diese Linie zu einem dicken, runden dunklen Fleck. Bei erwachsenen Weibchen ist die Linie deutlicher zu sehen als bei ihren männlichen Artgenossen.

Blindschleiche

Die Bauchseite ist oft schwarzgrau gefärbt und geht zu den Seiten in einen helleren Grauton über. In seltenen Fällen kann die Unterseite auch intensiv schwarz gefärbt sein. Die Unterseite des Schwanzes ist oft heller als der restliche Körper und meist gräulich gefärbt.

Lebensraum

Die Blindschleiche ist die häufigste Echsenart in Deutschland, da ihr Lebensraum recht vielfältig ist. Sie fühlt sich sowohl in Waldlichtungen und Waldrändern wohl, als auch in offenen Heide- und Moorlandschaften. Auch in Gärten, Parks, Steinbrüchen, Hecken und Trockenrasen findet sie ein Zuhause. Wichtig ist, das sie reichlich Plätze zum Sonnen als auch zum Verstecken hat.

Blindschleiche Versteck

Sonnenplätze können z.B. Totholz, Torf, offener Humusboden oder Steinplatten sein. Als Versteckmöglichkeiten werden gerne Baumwurzel, Baumstubben, Steine oder auch Laubhaufen bevorzugt.

Nahrung

Blindschleichen ernähren sich bevorzugt von Schnecken, Würmern sowie Insekten, Asseln und Spinnen. Sie schlängeln durch das Gras, um aktiv auf Nahrungssuche zu gehen. Ihr guter Geruchssinn hilft ihr bei der Jagd.

Fortpflanzung

Obwohl Blindschleichen zu den Echsen gehören und daher eigentlich Eier legen sollten, bringen sie lebendige Junge zur Welt. Sie sind folglich lebendgebärend. Genauer gesagt, sind Blindschleichen “Ei-lebendgebärend” (“ovovivipar”). Hierbei werden die Eier im Körper des Muttertieres ausgebrütet. Die ausgebrüteten Jungtieren werden dann “geboren”.

Die Paarungszeit findet zwischen Ende April und Juni statt. Die Tragzeit ist von der Temperatur abhängig und dauert 12 – 13 Wochen. Nach 12 bis 13 Wochen gebären die Weibchen im Durchschnitt 10 vollständig entwickelte Jungtiere. Diese sind bei der Geburt 7 bis 10 Zentimeter lang sind und wiegen weniger als 1 Gramm. Nach der Geburts sind die Jungtiere auf sich alleine gestellt.

Nach 3 Jahren erreichen die Männchen die Geschlechtsreife und die Weibchen nach 4 bis 5 Jahren.

Lebenserwartung

Blindschleichen können sehr alt werden. Aus der Terrarienhaltung sind Angaben von einem Alter von 20 – 40 Jahren bekannt. Auch ist ein Alter von knapp 50 Jahren bekannt. In freier Wildbahn sterben sie deutlich früher, denn da werden sie von ihren natürlichen Feinden gefressen oder fallen einem Auto oder Fahrrad zum Opfer.

Feinde der Blindschleiche

Bei den Säugetieren sind Füchse, Marder, Dachse, Hermeline, Igeln oder auch Katzen die Fressfeinde der Blindschleichen. Außerdem gehören sie zum Beutespektrum von einigen Greifvogelarten, wie z.B. der Mäusebussard oder der Turmfalke.

Der größte Feind der Blindschleiche ist allerdings der Mensch. Durch intensive Land- und Forstwirtschaft wurde ihr Lebensraum in der vergangenen Zeit sehr stark eingeschränkt. Aber auch der Straßen- und Siedlungsbau bedrohen die Lebensräume der Blindschleiche. Zudem werden sie durch den direkten Einsatz von Schneckengift oder Pestiziden getötet.

Das Blindschleichen sich gerne auf Straßen oder unbefestigten Nebenstraßen aufhalten um ein Sonnenbad zu genießen, werden sie häufig von Auto- aber auch Fahrradfahrern überfahren.

Reptil des Jahres 2017

Die DGHT hat für das Jahr 2017 die Blindschleiche zum Reptil des Jahres gewählt. Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Herpetologie und Terrarienkunde.

Die Wahl zum Reptil des Jahres soll dabei helfen, nicht nur über das Tier aufzuklären, sondern auch etwas für den Schutz dieser Tiere zu tun.

Bundesweit ist die Blindschleiche als “ungefährdet” verzeichnet, die ihr Bestand in Deutschland als scheinbar häufig angesehen wird. Jedoch ist diese Aussage trügerisch, weil keine oder kaum Daten zur Bestandsentwicklung der Blindschleiche vorliegen. Daher sollte einer der grundlegenden Schutzmaßnahmen sein, z. B. die Aufforstung natürlicher Wälder zu fördern, von denen auch weitere Reptilienarten wie z.B. die Kreuzotter oder die Waldeidechse profitieren können.

Was kann ich für die Blindschleiche tun?

Du hast einen Garten? Prima, dann kannst du auch etwas für die Blindschleiche tun!

  • Stelle in deinen Garten einen einfachen Holzstapeln, legen eine Trockenmauer oder einen Komposthaufen an. Das sind gute Tagesunterschlupfe für die Blindschleiche.

  • Ein Heuhaufen kann ebenfalls ein Unterschlupf sein. Das gemähte oder geschnittene Gras einfach auf dem Boden liegen und trocknen lassen. Ist das Gras getrocknet, kann man es zu einem Heuhaufen auftürmen. Dieser wird dann mit einer Plane abgedeckt, damit er vom Regen nicht feucht wird. Der fertige Heuhaufe dient dann ebenfalls als Unterschlupf.

  • Blindschleichen haben Durst. Stelle daher im Garten ausreichend Wasser zur Verfügung. Das kann eine einfache Wasserstelle sein oder ein selbst angelegter Teich.

Für alle, die keinen Garten besitzen (ich gehöre dazu), aber dennoch etwas für Blindschleichen tun wollen:

  • Schätze dich glücklich, bei einem Spaziergang oder einer Wanderung einer Blindschleiche zu begegen. Meist lässt sich das Tier aus nächste Nähe beobachten und man kann ganz tolle Fotos von ihr machen.

  • Wie alle Reptilien in Deutschland, ist auch die Blindschleiche geschützt und darf nicht ohne Genehmigung eingefangen werden. Sollte man aber ein Tier fangen müssen, um z. B. die Blindschleiche vor dem Überfahren auf der Straße zu retten, packt man das Tier nie am Schwanzbereich (Schwanzabwurf!!!), sondern nur im vorderen Bereich.

  • Engagiere dich in einem lokalen Naturschutzverein.

Quellen und lesenswerte Links

Willst du noch mehr über die Echse ohne Beine wissen? Dann schaue dir doch folgende Links mal an:


Was denkst du über die Blindschleiche? Bist du schon einmal einer begegnet? Hinterlasse hier ein Kommentar oder schreibe mir eine Email.

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Zoe
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Hallo! Ich bin die Zoe, die Gründerin von Rambling Rocks. Ich liebe die Natur und Wandern ist für mich die beste Möglichkeit die Natur mit allen Sinnen zu erfahren. Was ich dabei auf meinen Touren entdecke, schreibe ich hier auf meinem Blog. Neugierig? Dann wander einfach mit. Natur beißt nicht!